Krawatte trifft T-Shirt

Flughafen bistro dssdZwei Geschäftsmänner wollen sich zu einem Gespräch an einem neutralen Ort treffen. Man hat eine Lounge am Flughafen gewählt, da beide unterwegs sind und noch den Flieger nehmen müssen. Sie haben den Ort und die Uhrzeit bestimmt. Gesehen hat man sich noch nicht. In der Lounge kommen sehr viele Gäste und Reisende vorbei. Lockere und zugeknöpfte Typen mit glänzenden Schuhen und in edlen Stoffen. Und da gibt es die Mischtypen, die locker und leger erscheinen, aber in Details wie Halstuch, Tasche und sonstigem Accessorize sehr edel und exklusiv wirken.

Die Dame am kleinen Tisch hat ein iPhone Modell 5S am Ohr, trägt eine knackige Jeans, auffällige Designer-Schuhe und einen schlichten Blazer und wirkt wie eine BWL-Studentin, die nebenher eine Assistenzstelle an der Uni hat. In Wirklichkeit ist sie aber Unternehmerin und wird gleich den Flieger nach Hamburg nehmen. Sie ist mit der U-Bahn gekommen und hat einen Rucksack als Handgepäck dabei. Zur Arbeit fährt sie immer mit dem Rennrad. Das geht schneller. Vor Abflug wird sich noch mit ihrem Steuerberater treffen. Jeder der hier Anwesenden oder vorbei eilenden Menschen könnte Unternehmer oder ein Entscheider sein. Und jeder der hier sichtbaren Männer könnte der Gesprächspartner für das Treffen sein. Na theoretisch zumindest, ganz bestimmte Typen wohl eher nicht. Der da mit dem Fusselbart mit T-Shirt und einer zu weiten und zerschlissenen Jeans und wie ein Student der Sozialpädagogik im 14. Semester aussieht, der ist bestimmt keiner.

Und genau dieser Herr bedient nun sein Androit-Smartphone und teilt dem älteren Herren, der Beobachter der Lage ist, förmlich aber freundlich mit, dass er nun am Eingang der Lounge auf ihn warte. Etwa drei Minuten später sagt er ihm nach der Gesprächseröffnung an einem freien Tisch, dass er das nicht aus Protest tue, sondern dass er einfach kein „Dinge-Mensch“ sei und einfach so auftreten will, wie er nun einmal ist. Der andere Gesprächspartner bewegt sich jetzt auch zum Eingang der Lounge. Ohne es zu Wissen streicht er mit einer gekonnten Handbewegung seine Frisur gerade und geht mit Daumen und Zeigefinger durch seinen gepflegten Schnauzbart. Er trägt einen Maßanzug. Auf seine Rolex, die er sonst schon einmal unter dem Hemdärmel hervorblitzen lässt, verzichtet er heute, auch auf den Aktenkoffer im Chick a la Dallas. Dafür trägt er eine Edel-Swatch und eine wettergegerbte Aktentasche, die er von seinem Großvater vermacht bekommen hat. Seinen Koffer hat er schon aufgegeben.

Das Gespräch der beiden Geschäftsführer verläuft ungezwungen aber konzentriert. Der jüngere ist gefragter Gesprächspartner in Sachen Markenmanagement bei Großkonzernen. Seine Jeans, Marke Nudie, schwedisches Labels ist nicht gerade günstig, aber 100 % aus Organic Cotton. Während des Gespräches nutzt der Jeans- und T-Shirt-Träger sein Android-Handy, um mit seinem Gesprächspartner einen weiteren Termin abzustimmen, während dessen der Herr im Maßanzug und Krawatte seinen Montblank zückt und sich in einem ledergebundenen Time-System schriftlich Notizen macht. Kein Grund für Irritation, auf beiden Seiten. Man kennt und respektiert die unterschiedlichen Rituale. Beide haben während des Gespräches einen Kaffee genommen. Die Rechnung begleicht der Anzugträger mit Kreditkarte. In den Siebzigern nutzte er immer die American Express. Da war sie noch Statussymbol ersten Ranges, wie auch sein Dienstwagen Mercedes ausgestattet mit Autotelefon. Der T-Shirt-Träger zahlt wenn es geht, immer mehr per Mobile. Die Aufbewahrung von Rechnungen ist ihm besonders lästig. Dem Anzugträger aber auch.